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ATN-Best Practice: Der Einsatz von Greifvögeln in der Tiergestützten Arbeit

ATN-Best Practice: Der Einsatz von Greifvögeln in der Tiergestützten Arbeit Franziska Eidmann ATN-Best Practice: Der Einsatz von Greifvögeln in der Tiergestützten Arbeit

Die Verwendung von Greifvögeln als Therapietiere wurde bislang nur vereinzelt ins Kalkül gezogen, auch wenn sie auf ihre faszinierende Art die Menschen schon zu allen Zeiten auf eine besondere Weise angesprochen haben. Diese Tatsache machte sich die ATN-Schülerin und studierte Pädagogin Franziska Eidmann zunutze und besuchte mit ihren Klienten in der ambulanten Betreuung mehrere Male eine Falknerei eines Tierparks in der Mitte Deutschlands. Denn warum sollte man nicht auch Greifvögel in der Wiedereingliederung psychisch gehandicapter Menschen unterstützend einsetzen?

Die erfolgreichen Besuche waren der Anstoß für Franziska Eidmann, daraus ein neues Projekt zu entwickeln: „Greifvögel in der tiergestützten sozialen Arbeit“ und in ihrer Facharbeit im Rahmen ihrer Ausbildung zur Tiergestützten Arbeit bei der ATN zu untersuchen. Obgleich es sich dabei um einen vergleichsweise neuen Ansatz handelte, stieß das geplante Vorhaben rasch auf großen Zuspruch. Um was geht es dabei?

Folgen Sie der Autorin bei ihrer spannenden Arbeit mit Habicht, Bussard, Bartkauz und Co. im Einsatz als Therapietiere.

Grundlagen und Ziele des Projektes „Greifvögel in der tiergestützten Arbeit“

Auf Grundlage der Eingliederungshilfe wurde das Projekt konzipiert. Nach der Fassung des Bundesteilhabegesetzes vom 1. Januar 2020 wurde die Eigenständigkeit und Hilfe zur Selbsthilfe noch weiter in den Fokus gerückt: Erwachsenen beeinträchtigten Menschen solle so viel Unterstützung angeboten werden, dass sie ihre Angelegenheiten und ihren Alltag weitestgehend selbstverantwortlich und selbstbestimmt gestalten können (BTHG, Deutsches Sozialgesetzbuch IX). Unser Vorhaben, tierunterstützend mit den Greifvögeln zu arbeiten, stieß auf große Resonanz, ist jedoch ein neuer Ansatz. Die zentrale Fragestellung für uns war, inwieweit können nicht domestizierte Wildtiere – in diesem Falle Greifvögel – den Menschen auf besondere Art ansprechen, ihn motivieren und vielleicht sogar psychisch stabilisieren. Können sie in einem ersten Schritt bei einem psychisch erkrankten Menschen den Wunsch nach einem wiederum aktiven Leben wecken? Können sie ihn im wahrsten Sinne des Wortes dazu beflügeln, aus den gewohnten Denk- und Handlungsmustern auszubrechen und sich auf etwas Neues einzulassen? Können hier die Greifvögel durch ihre eigenständige und anmutige Art eine Tür aufstoßen? Sich darauf einzulassen, dazu gehört allerdings eine große Portion Mut – gerade für Menschen mit Psychosen, Depressionen, Angststörungen oder ähnlichen psychischen Erkrankungen.

Die Umsetzung des Projekts

Eine Gruppe von zehn Klienten mit ihrer Begleitung stellte sich dem Unterfangen: Sie trafen sich wiederholt in einem Wildpark. Wichtig war uns ein allmähliches, schrittweises Vorgehen. Die Teilnehmer erlebten zunächst das Flugprogramm der Falknerei und lernten im Vorfeld vieles über die verschiedenen Greifvogelarten und ihre Lebensbedingungen, deren Ethologie sowie über Arterhaltung und Naturschutz.

Ein Habicht auf der HandEin Habicht auf der Hand (© Franziska Eidmann)

Dabei wurden die freifliegenden Tiere zur langsamen Gewöhnung an sie genutzt. Die Greifvögel konnten aus einer Distanz heraus angesehen und beobachtet werden. Jeder Teilnehmer konnte sich so in Ruhe überlegen, was er letztlich zulassen und auch mitmachen wollte.

Bartkauz im Anflug Bartkauz im Anflug (© Franziska Eidmann)

Im Anschluss durften die Teilnehmer verschiedene Tiere mit Futter auf ihren Falknerhandschuh locken und dort landen lassen. Dabei konnten sie beobachten, wie sich die einzelnen Tiere verhalten, und erfahren, wie die eigene menschliche Persönlichkeit darauf reagiert bzw. wie die Tiere auf eigene derzeitige Befindlichkeit und Ausstrahlung wirken. Verschiedene Fragen stellten sich den Klienten: Wie sehen die Tiere, die man oft nur von Weitem zu Gesicht bekommt, aus der Nähe aus? Wie fühlt sich das an? Wie schwer sind sie? Was nehme ich wahr? Wie ist mein Zustand in diesem Moment? Wie fühle ich mich? Nimmt das der Vogel wahr?

Ein Bartkauz aus der Nähe Ein Bartkauz aus der Nähe (© Franziska Eidmann)

Die Rückmeldungen der Klienten ließen Lebensfreude, Spaß, Begeisterung und auch Erfolg erkennen. Auch wenn die Reaktionen manchmal erst einige Tage später kamen, so sagten die Teilnehmer doch übereinstimmend, dass sie nach einer langen Zeit der Antriebslosigkeit und Isolation erstmals wieder etwas unternehmen und sich dabei wieder einer Gruppe anschließen konnten. Das hatten sich viele zuvor eigentlich nicht mehr zugetraut.

Bartkauz im TiefflugBartkauz im Tiefflug (© Franziska Eidmann)

Ein Beispiel aus dem Projektalltag: Die Situation von Anna – ein Gedächnisprotkoll

Anna war sehr skeptisch; sie wollte erst nicht mitfahren. Gruppen und Aktivitäten waren ihr immer unangenehm, und sie hatte nur schlechte Erfahrungen gemacht. Ihre Neugier siegte dann aber doch! Im Vorfeld erzählte sie von sich und beschrieb sich als ängstlich und entmutigt. In der Schulzeit wurde sie stets gemobbt. Lange lebte sie isoliert und zurückgezogen. Zugleich entwickelte sich bei ihr eine Depression, die nun dauerhaft zu ihrem Leben gehört. Sie traue sich eigentlich nichts zu, sagte Anna von sich. Nach der Flugshow der Greifvögel und einigen weiteren Erläuterungen konnte Anna sich überwinden, den Wüstenbussard zu rufen. Der Harris-Hawk kam aus großer Höhe zu Anna hinunter, flog dann aber – an Anna vorbei – weiter zu seinem Landeplatz. Die Enttäuschung war groß. Anna sagte, dass sogar der Vogel sie mobben würde, und zog sich zurück. Damit hatte von uns niemand gerechnet.

Anna nahm dennoch ihren Mut zusammen und versuchte es ein zweites Mal. Sie brauchte einige Zeit, um sich darauf einzustellen. Dann rief sie wieder den Wüstenbussard zu sich. Nach der Landung auf ihrem Arm nahm er das Futter, schaute Anna an und beschloss zu bleiben. Er fand sie interessant und ließ sich nicht beunruhigen. Anna ließ sich auf ihn ein, konnte ihn beobachten und mit ihm herumgehen. Erst nach längerer Zeit entschloss sich das Tier weiterzuziehen. Anna beschrieb das Erlebte hinterher unglaublich glücklich und stolz. Man kann vermuten, dass sie in dem Moment eine andere Stimmung zeigte, dass sie offen war für das Tier und sich motivieren konnte, mit ihm zu kommunizieren. Das allein wird Anna wissen.

Bei vielen weiteren Teilnehmern wurde an diesem Tag klar, dass die Unternehmung nicht nur anregend und motivierend war, sondern die Überwindung der eigenen Angst auch Stolz auslöste. Auf alle Fälle wurde der Wunsch geäußert, dass die Arbeit mit den Tieren nun regelmäßig stattfinden möge.

Der Harris-Hawk vor einem LautsprecherDer Harris-Hawk vor einem Lautsprecher (© Franziska Eidmann)

Nicht nur Greifvögel: ein Rabe als willkommene Abwechslung im Projekt der Tiergestützten Arbeit

Der Rabe der Falknerei stellt als Singvogel eine Ergänzung zu den Greifvögeln dar. Bekanntermaßen sind Raben sehr gelehrige Tiere, sodass der Rabe der Falknerei im Flugprogramm einige gute Ideen einbringen kann. Er kam als Jungvogel in die Falknerei und wurde vor Ort aufgezogen. Durch die Prägung auf den Menschen ist er jetzt freifliegend bei den Shows dabei. Der Rabe hat sich aber auch einem Krähenschwarm angeschlossen und ist so den ganzen Tag mit ihnen unterwegs, kehrt aber immer wieder in seine Voliere zurück. Durch das tägliche Training, besonders durch die Konditionierung mit Futter, wurde es möglich, dass eine sehr enge Beziehung zur Falknerin entstehen konnte.

Der charmante Rabe Der charmante Rabe (© Franziska Eidmann)
Der Rabe in AktionDer Rabe in Aktion (© Franziska Eidmann)
Der FalkeDer Falke (© Franziska Eidmann)

Sinn und Wahrnehmung: Wer profitiert am ehesten von der Tiergestützten Arbeit mit Greifvögeln?

Visuelle und kinästhetische Wahrnehmungen stehen bei dieser Tiergestützten Arbeit im Vordergrund und werden durch akustische Signale ergänzt. Greifvögel sind in erster Linie Augentiere. Daher eignet sich die Arbeit mit ihnen besonders gut für Menschen, die über visuelle und kinästhetische Reize bevorzugt wahrnehmen und lernen können.

Der Uhu Der Uhu . (© Franziska Eidmann)

Quellenangabe:

Text und Bilder von Franziska Eidmann, November 2020

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ATN AG ist die im deutschsprachigen Raum führende Schule für Tierpsychologie, Verhaltenstherapie und Hundetraining. Sie ist die erste Schule, die reguläre Lehrgänge zu diesen Themen angeboten hat und ein anspruchsvolles Ausbildungskonzept besitzt.

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