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Trennungsstress beim Hund: Rückkehr zur Routine

Trennungsstress beim Hund: Rückkehr zur Routine Patricia Lösche Trennungsstress beim Hund: Rückkehr zur Routine

An Trennungsstress beim Hund denkt sicher niemand zuerst in diesen Tagen. Die Maßnahmen der Regierungen Europas zur Verzögerung der Ausbreitung der COVID-19 Pandemie führen zum Teil zu drastischen Veränderungen unserer täglichen Routine , mit denen wir selbst erst einmal zurechtkommen müssen. Auf den ersten Blick sind Homeoffice, häusliche Quarantäne und fehlende Freizeitangebote für unsere Hunde sicherlich mit einigen Vorteilen verbunden:

  • Trennungszeiten entfallen
  • die Menschen haben viel Zeit für gemeinsame Spaziergänge
  • mehr Trainingseinheiten und Kuschelzeit auf der Couch

Aus der Perspektive der Hunde hat die Corona-Krise also zunächst eine gewisse Ähnlichkeit mit einem ausgedehnten Urlaub. Leider ist die vermehrt gemeinsam verbrachte Zeit eher nicht von sonniger Urlaubslaune geprägt und da Hunde oft recht empfindlich auf die Stimmungen ihrer sozialen Umgebung reagieren, werden auch sie mehr oder weniger stark von den aktuellen Entwicklungen belastet sein.

Bello allein zu Haus

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Trennungsprobleme nach Rückkehr zur Normalität

Schon in den ersten Veröffentlichungen zu diesem verbreiteten Verhaltensproblem wurden ausgedehnte Phasen des engen Kontaktes zwischen Hund und Halter als Auslöser von Trennungsproblemen beschrieben (Voith & Borchelt 1985). Die von den Autoren genannten typischen Situationen sind gemeinsame Urlaube und längere Phasen der Krankheit und Rekonvaleszenz, die hundehaltende Menschen zuhause verbringen. Der vermehrte, intensive Kontakt wird für den Hund quasi zum Normalzustand und die Rückkehr zum ursprünglichen Alltag löst dementsprechend starke Frustration und in der Folge unter Umständen Trennungsprobleme aus.

Vor diesem Hintergrund müssen wir damit rechnen, dass im Zuge der schrittweisen Aufhebung der aktuellen Beschränkungen bei Hunden vermehrt Trennungsprobleme entstehen können. Mit vorbeugenden Maßnahmen ist es möglich, dem entgegen zu wirken und die Entstehung von Trennungsstress zu vermeiden.

Beugt Trennungsstress beim Hund vor: Tagesstruktur aufrechterhalten

Hunde passen ihren Aktivitätsrhythmus den regelmäßigen Abläufen ihrer Umgebung an. Trennungszeiten sind in diesem Zusammenhang in erster Linie Ruhezeiten. Wird nun die Arbeitszeit nach Hause verlegt, gerät dieser Rhythmus schnell durcheinander. Sinnvoll ist es, das Homeoffice zu den üblichen Arbeitszeiten zu betreiben und als „Auszeit“ für den Hund zu gestalten. Der Kontakt zum Hund wird dazu während der Arbeitszeit auf ein notwendiges Minimum beschränkt. Spaziergänge, Trainingseinheiten und Phasen mit intensivem Kontakt finden zu den üblichen Tageszeiten statt, in den Phasen, zu denen der Hund im normalen Alltag alleine bleibt, finden keine gemeinsamen Aktivitäten statt. So bleibt der gewohnte Aktivitätsrhythmus erhalten, in Bezug auf direkte Interaktionen werden keine neuen oder veränderten Erwartungen aufgebaut.

Beibehalten von Alltagsroutinen beugen Trennungsstress nach COVID-19-Krise vorBeibehalten von Alltagsroutinen beugen Trennungsstress nach COVID-19-Krise vor (© Pexels)

Für regelmäßige Trennungen sorgen

Im Sinne einer Aufrechterhaltung der Gewöhnung an Trennungen ist es sinnvoll, gezielt Trennungen zu vollziehen und Haus oder Wohnung regelmäßig für gewisse Zeiten ohne den Hund zu verlassen. Diese Maßnahme wird zurzeit häufig im Internet empfohlen. Aber ohne genauere Anweisungen kann der Spaziergang ohne Hund mehr schaden als nützen. Bevor wir zu Trainingszwecken ohne Hund das Haus verlassen, sollten wir uns in die Perspektive des Hundes versetzen und überlegen, wie sich das gemeinsame Verlassen der Wohnung von den Trennungen im Zusammenhang mit unserem Arbeitsalltag unterscheidet. Welche Kleidung tragen wir zu welcher Gelegenheit, welche Vorbereitungen treffen wir, wie sind die Abläufe?

Je ähnlicher der ganze Vorgang der normalen täglichen Trennungsroutine ist, desto einfacher hat es der Hund, wenn wir wieder wie gewohnt zur Arbeit gehen. Verlässt der Mensch zur gewohnten Zeit mit den üblichen Vorbereitungen das Haus, wird das kein Problem für den Hund sein. Gehen wir aber zu Trainingszwecken und unsere Vorbereitungen enthalten zufällig Details, die dem Hund sonst verlässlich (durch eine bestimmte Jacke, die entsprechenden Schuhe…) einen Spaziergang ankündigen, kann das Zurückbleiben eine sehr frustrierende, belastende Erfahrung und der Beginn genau des Problems sein, das wir mit dieser Maßnahme vermeiden wollten.

COVID-19-Krise – mit Fantasie gegen Trennungsangst

Grundsätzlich ist das Verlassen des Hauses/der Wohnung nur ein Aspekt der Vorbeugung. Trennungsroutine kann auch innerhalb der heimischen vier Wände effizient aufrechterhalten werden, indem beispielsweise das Homeoffice in einen Raum verlegt wird, zu dem die Hunde (eventuell nach anfänglicher Gewöhnung) keinen Zutritt haben. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass die Trennung ohne großen Aufwand zumindest annähernd auch in der zeitlichen Ausdehnung Routine bleibt. Hier sollte allerdings ein Raum gewählt werden, in dem sich die Hunde auch während der gewohnten täglichen Trennungen normalerweise NICHT aufhalten. Unter dem Strich geht es bei der Prävention in diesen Tagen in erster Linie darum, gewohnte Routinen und Erwartungen aufrecht zu erhalten und die Gewöhnung an ungewohnt intensiven, ununterbrochenen Kontakt zu vermeiden.

Krisen sind immer auch Chancen. Dieser Satz mag manchen Betroffenen in diesen Tagen zweckoptimistisch und unangemessen erscheinen, hat aber zumindest in Bezug auf das Thema „Trennungsstress beim Hund“ durchaus seine Berechtigung. Bei bereits bestehenden Trennungsproblemen stellen die Maßnahmen zur Verzögerung der COVID-19-Pandemie für die betroffenen Hundehalter auch eine wertvolle Trainingsgelegenheit dar. Hier können die Wochen im Homeoffice zu einem systematischen, kleinschrittigen Training genutzt werden, das bei geschickter Planung keinen großen Aufwand bedeutet.

Quelle:

Voith VL, Borchelt PL: Separation anxiety in dogs. Comp Cont Ed Pract Vet 7:42 52, 1985.

Gerrit Stephan

Hundetrainer, ATN-Hundepsychologe und Biologe (b.sc.) Gerrit Stephan ist neben seiner langjährigen Hundetrainertätigkeit mit seiner eigenen Hundeschule und -verhaltensberatung "Fave Canem" seit 2013 Dozent für Hundewissenschaften bei der ATN.

Besonders der Themenbereich "Trennungsangst" ist einer der Schwerpunkte seiner Arbeit, da dies für viele Hunde und Halter ein großes Problem darstellt. Daher leitet er auch die Langzeitstudie "Bello allein zu Haus", die in Zusammenarbeit der ATN mit dem SWR durchgeführt wird, um das Verhalten der Hunde beim Alleinsein und ihre damit verbundenen Emotionen und deren Auswirkung auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu untersuchen.

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Betreuung von Familien, die einen Hund aus dem Tierschutz übernommen haben. Die erfolgreiche Integration eines solchen Hundes und das Zusammenwachsen solcher Hund-Mensch-Teams bereiten ihm ebenfalls besonders viel Freude.

Webseite: www.fave-canem.de
ATN Webseite für Österreich - Akademie für Tiernaturheilkunde, 8635 Dürnten CH, Kreuzstrasse 10 | Tel.: +41 55 246 39 09
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