Leben Lernen mit Ponys und Alpakas

Leben Lernen mit Ponys und Alpakas

Tiergestützte Arbeit Tierberuf

LEBEN LERNEN
Mit Ponys und Alpakas

Tiere sind bedingungslos, ehrlich, reagieren direkt und unverstellt. Darum ist die tiergestützte Intervention in vielen therapeutischen, pädagogischen und sozialen Maßnahmen so erfolgreich. Bei der Erzieherin und Traumapädagogin Jeanette Schnell helfen Tiere den Pflegekindern bei der Überwindung traumatischer innerfamiliärer Erlebnisse.

Lasse* streckt vorsichtig den Arm aus. Aus großen sanften Augen mustert ihn der schokobraune Odin, bereit, sich bei jeder unverhofften Bewegung des Kindes sofort zurückzuziehen. Auf Lasses kleiner Hand zeugt ein wie nervös zuckendes Leckerchen von der Anspannung des Jungen. Langsam und sehr vorsichtig streckt Odin seinen langen Hals nach dem Leckerchen aus, doch erst nach endlosen Minuten überwindet der Alpaka-Wallach seine Scheu und futtert es, ganz vorsichtig. „Langsam aufstehen, sonst läuft er weg“, ermutigt Jeanette Schnell den Achtjährigen. In Zeitlupe schleicht Lasse von Odin weg.

Tiergestützte Arbeit Beruf - Praxis-Alltag mit Ponys und Alpakas

"Als ADHS-Kind ist Geduld zu haben eine der größten Herausforderungen für den Jungen", Jeanette Schnell freut sich sichtlich über Lasses Leistung. "Die scheuen, aber nicht unzugänglichen Alpakas sind für ihn tolle Lehrmeister." Sie lächelt Lasse an. "Das hast du super gemacht." Lasse strahlt. Die Alpakas mit ihren kindlich erscheinenden Gesichtern stehen bei den Kindern hoch im Kurs. "Niedlichkeit" hilft bei der Selbstüberwindung.

Lasse ist eines von vier Pflegekindern, die der 45-Jährigen über einen Träger und das Jugendamt anvertraut wurden. "Die Kinder kommen aus oft problematischen häuslichen Verhältnissen", sagt sie. In Sachen Tiere ist Jeanette Schnell sehr breit aufgestellt: Pferde, Ponys, Lamas, Alpakas, Ziegen, Schafe, Hunde, Schweine, Enten, Hühner, Schildkröten, Bienen und eine Katze unterstützen sie, wenn es darum geht, den ihr anvertrauten Kindern im Alter zwischen 3 und 9 Jahren die Tür in ein neues Leben zu öffnen. Eine ganze Reihe von Kindern hat sie so schon auf dem Weg in ein neues Leben unterstützt und begleitet.

Tiergestützte Arbeit: Eine Reise hin zu dem, was Leben schön und lebenswert macht!

Tiergestützte Arbeit Beruf - Praxis-Alltag mit Ponys und Alpakas

Verlässlichkeit, Vertrauen, Struktur, Fürsorge für andere, Geduld – das sind Werte, die Jeanette Schnells Pflegekindern in der Vergangenheit oft unzureichend oder gar nicht nahegebracht wurden. Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz müssen den Kindern daher häufig ganz neu vermittelt werden. Unter der Anleitung der Traumapädagogin (er)füllt heute der Alltag mit den Tieren Werte und Bedürfnisse. Im Geben wie im Nehmen. Die Kinder werden ohne Vorurteile von den Tieren angenommen und akzeptiert. "Kann ein Kind aufgrund seiner Ängste nachts nicht schlafen, werden schon mal die Hunde Sissi und Tayson, eine Deutsche Dogge und eine Französische Bulldogge, als Beschütz-mich-Hunde eingesetzt, um die bösen Geister der Vergangenheit zu vertreiben", erzählt Jeanette Schnell. "Wir sorgen für die Tiere, und sie sorgen für uns.“ Ein gelingender Pakt. Basti zum Beispiel habe anfangs jeden Käfer zerdrückt, erinnert sich Jeanette Schnell, aber "inzwischen trägt er jeden Wurm an die Seite, damit er wieder dort ist, wo er hingehört."

Tiergestützt zu arbeiten bedeutet nicht, Tiere nur zu nutzen. „Der Erfolg der Arbeit steht und fällt mit geeigneten Tieren und der bedürfnisgerechten Haltung der Tiere“, sagt Jeanette Schnell. "Diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein – nicht nur in Bezug auf die Tierart/en, mit denen man arbeitet, sondern auch hinsichtlich des Individuums, das man vor sich hat." Dazu reiche es nicht aus, Tiere zu mögen. "Tierliebe allein befähigt einen nicht, zu beurteilen, ob ein Tier den ganz eigenen Anforderungen hinsichtlich einer Aufgabe gewachsen ist, ob und wie es ganz konkret befähigt und evtl. trainiert werden und letztlich eben auch eingesetzt werden kann."

Tiergestützte Arbeit Beruf - Praxis-Alltag mit Ponys und Alpakas

Nicht jede Tierart und nicht jedes Tier ist für jeden Einsatz gleichermaßen geeignet, und eine grundsätzlich geeignete Tierart oder Rasse "liefert" auch nicht ausnahmslos geeignete Individuen. Oft werden die Anforderungen, die viele tiergestützte Einsätze an die Tiere stellen, stark unterschätzt. Dabei kann sogar ein "nur gestreichelt werden" Stress bedeuten und in eine Überforderung des Tieres münden. Abgesehen davon, dass tiergestützte Arbeit unter solchen Bedingungen tierschutzrelevant sein kann, können auch enorme Sicherheitsrisiken für die Klienten entstehen.

"Das Tier braucht in der tiergestützten Arbeit dieselbe Aufmerksamkeit und erfordert dasselbe Maß an Know-how wie die menschlichen Klienten", ist Jeanette Schnell überzeugt. "Ich habe seit meiner Kindheit mit Tieren zu tun, da macht man vieles intuitiv. Im Laufe meiner Ausbildung bei der ATN – ich habe die Tierpsychologie mit dem Schwerpunkt Pferd und die Tiergestützte Arbeit absolviert – konnte ich Wissenslücken schließen und neue Bereiche, Ideen und Perspektiven für meinen Arbeitsbereich entwickeln."

"In dem Respektvollen Umgang mit den Tieren beginnen die Kinder, sich selbst wieder zu respektieren."

In die Tiergestützte Arbeit im Hause Schnell mit den drei eigenen und den vier Pflegekindern ist auch Jeanettes Mann als Imker eingebunden. Gemeinschaft und Verantwortung ist dabei das, was zählt. Die Versorgung und Pflege der Tiere geben jedem Tag eine erkennbare Struktur. Auch das Jahr bekommt einen konkreten Rhythmus – durch Trächtigkeiten und Geburten, Scherzeiten und Fellwechsel, Honigernte oder die Menge der gelegten Eier.

Die Kinder lernen, was Zuverlässigkeit bedeutet. Sie üben sich im Bewusstwerden ihrer Verantwortung gegenüber denen, die ihre Fürsorge brauchen und die von ihnen abhängig sind. Sie erfahren, was Ruhe, Geduld und Empathie bewirken. Sie erleben Grenzen und Erfolge, lernen, mit Frustration umzugehen und sie auszuhalten. Sie sind stolz, wenn die Mini-Shetties ihnen im aufgebauten Geschicklichkeits-Parcours durch Traktorreifen folgen oder gemeinsam mit ihnen Hindernisse überwinden. Tiere geben ihnen spontanes Feedback in verlässlichem Wenn-dann-Modus: Wenn du meine Bedürfnisse respektierst, bin ich bereit, mich auf dich einzulassen, möchte vielleicht sogar dein Partner sein.

Wie Odin, der Lasse hilft, die Geduld zu entdeckten und auszuloten und ihm zugleich beweist, dass er kann, was nur unmöglich zu sein scheint. "Im respektvollen Umgang mit den Tieren beginnen die Kinder, sich selbst zu respektieren", sagt Jeanette Schnell, die das bislang ausnahmslos bei all ihren Pflegekindern beobachten konnte.

Tiergestützte Arbeit ist ständig in Bewegung

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Seit der Kinderpsychologe Boris Levinson, der als Begründer der modernen tiergestützten Arbeit gilt, in den 1960er Jahren die therapiestützende Wirkung seines Hundes bemerkte, hat sich viel getan. Längst ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Tiere dem Menschen wohltun – warum, zeigen immer neue Studien immer wieder aufs Neue und auf neuen Feldern. Mittlerweile haben nicht nur Kindergärten und Schulen ihre Türen für Tiere geöffnet, sondern u.a. auch Krankenhäuser, Kinder-, Jugend- und Altersheime, Wohngruppen, Psychiatrien und sogar Gefängnisse – Tendenz steigend.

Hunde sind dabei die am meisten verbreiteten, doch längst nicht einzigen Tiere, die sich für tiergestützte Arbeit eignen, was nicht nur Jeanette Schnell weiß und nutzt. In irgendeiner Weise eignet sich beinahe jede Tierart. Sogar Wildtiere lassen sich bisweilen in Konzepte integrieren, wenn man die tiergestützte Arbeit über den Bereich des "Unmittelbaren Tuns mit dem Tier" hinaus denkt und sich von dem Gedanken verabschiedet, dass man Tiere für tiergestützte Arbeit immer auch „halten“ muss. Die Arbeit ist mit domestizierten Tieren dennoch am leichtesten zu realisieren, ganz gleich, ob es um Hund, Katze Pferd oder Meerschweinchen geht, um Hühner, Ziegen, Schafe oder, wie bei Jeanette Schnell, um Alpakas. Tiere gelten als soziale Katalysatoren, die ihre positiven Wirkungen nur auf der Basis einer guten Beziehung im Dreieck zwischen Anwender, Tier und Klient entfalten können. "Darum ist das Wissen um die Bedürfnisse von Kollege Tier so essentiell", sagt Jeanette Schnell. "Nur ein physisch und psychisch stabiles Tier kann dem Menschen eine Hilfe sein. Und nur ein Mensch, der weiß, was es dazu braucht, hat mit ihnen Erfolg."

* Aus Gründen des Personenschutzes wurden die Namen der Kinder geändert und ihre Gesichter auf den Fotos unkenntlich gemacht.

Weitere Infos zur Tiergestützte Arbeit Ausbildung erhalten Sie hier:

Ausbildung:
Der Einstieg in die Tiergestützte Arbeit Ausbildung an der ATN Akademie für Tiernaturheilkunde ist jederzeit möglich. Anmeldung zur Tiergestützte Arbeit Ausbildung erfolgt durch Zusendung des Aufnahmeantrages.